Stehende Gewässer haben keinen guten Ruf. Von der Antike bis zur Gegenwart werden einer beharrlichen Ideologie folgend Flüsse, Ströme, Fließendes aller Art als positiv empfunden, während das Stillstehende, Stagnierende mindestens mit heimlichem Misstrauen beäugt, wenn nicht gar offen abgelehnt wird. Im Stillstand, so glaubt man, lauert das Schlechte, dasjenige, was es zu vermeiden, der Ort, von dem es sich fernzuhalten gilt, in ihm wittert man Krankheit, Wahnsinn und Tod. Solch Politik und Lager übergreifender Glaube fordert Widerspruch heraus. Das Leseprogramm mit aktuellen und klassischen Texten aus Literatur, Wissenschaft und Kunst widmet sich den Kehrwassern, Strudeln und Untiefen im Strom der Geschichte: den Zonen des Stillstands, den Zauderern und Nicht-Handlern, den ver-rückten Zeitlichkeiten, den Widergängern, Untoten und Gespenstern.
Mit Fundstücken und längeren Passagen u.a. von Iwan Gontscharow, Gertrude Stein, Thomas Bernhard, Søren Kierkegaard, August Thienemann und eigenen Texten der Lesenden.
2009